Kein Zusammenhang zwischen modernen Weizensorten und Zöliakie

Die Zahl der diagnostizierten Zöliakie-Fälle steigt seit einigen Jahren. Eine Hypothese vermutet einen Zusammenhang mit der Züchtung moderner Hochleistungs-Weizensorten. Der Grund dafür könnte sein, dass die Proteine der neuen Weizensorten mehr Molekular-Abschnitte enthalten, auf die das Immunsystem bei einer genetischen Vorbelastung für Zöliakie reagiert. Diese Abschnitte werden Epitope genannt. Sie werden durch die Zerlegung der Proteine bei der Verdauung freigelegt und sind mittlerweile gut erforscht. Um dieser Hypothese nachzugehen, haben Prandi et al. alte und neue Weizensorten hinsichtlich ihrer Gehalte an bekannten Epitopen untersucht.

Prandi et al. erforschten 5 alte und 5 neue Weizensorten. Zu den neuen Züchtungen zählten
2 Hartweizen und je 1 Weichweizen-, Dinkel- und Einkornsorte. Die alten Sorten umfassten
2 Hartweizen, 2 Weichweizen und eine Emmer-Züchtung. Als neue Sorten wurden solche definiert, die erst nach dem Ersten Weltkrieg mit Beginn der großtechnischen Agrarproduktion gezüchtet wurden. Da auch die Anbaubedingungen einen Einfluss auf den Proteingehalt haben können, wurden alle
10 Sorten in 2 verschiedenen Regionen und zudem einmal unter den Bedingungen der ökologischen Landwirtschaft angebaut. Im Labor simulierten die Forscher die menschliche Verdauung der verschiedenen Weizensorten. Anschließend unterzogen sie die Proben einer chemischen Analyse. Diese ergab einen Gesamt-Proteingehalt aller 10 Proben von 11,2 bis 17,3 Prozent. Dabei bestanden keine signifikanten Unterschiede zwischen neuen und alten Weizensorten. Des Weiteren lag der Glutenanteil sowohl bei den alten als auch bei den neuen Züchtungen deutlich über dem definierten Grenzwert für glutenfreie Lebensmittel von 20 mg Gluten pro kg. Darüber hinaus zeigte sich, dass in allen analysierten Proben bekannte Epitope nachweisbar waren, wobei hier Unterschiede zwischen alten und neuen Weizensorten beobachtet werden konnten. In den alten Weizensorten war der Gesamtgehalt an Epitopen deutlich höher als bei den modernen Züchtungen. Der Anbau in der ökologischen Landwirtschaft hatte hingegen keinen Einfluss auf den Gehalt an Epitopen und waren vergleichbar mit denen aus konventionellem Anbau.

Insgesamt kommen die Forscher zu dem Schluss, dass es keinen Zusammenhang zwischen der steigenden Anzahl diagnostizierter Zöliakie-Fälle und der Züchtung moderner Hochleistungs-Weizensorten zu geben scheint. Die Studienergebnisse weisen zudem darauf hin, dass alte Weizensorten bei einer Zöliakie nicht besser verträglich sind. Ganz im Gegenteil – der Gehalt an bekannten Epitopen ist sogar höher als der moderner Hochleistungs-Sorten. Der Verzehr alter Sorten könnte daher bei Zöliakie-Betroffenen sogar zu einer schlechteren Verträglichkeit führen. Die Wissenschaftler vermuten nun, dass die steigende Zahl der diagnostizierten Zöliakie-Fälle mit Veränderungen im menschlichen Immunsystem zusammenhängen könnte. Hier sehen sie weiteren Forschungsbedarf.

 

Quelle:
Peptides from gluten digestion: A comparison between old and modern wheat varieties
Barbara Prandi, Tullia Tedeschi, Silvia Folloni, Gianni Galaverna, Stefano Sforza
Food Research International.
2017 Jan; 91:92-102. doi: 10.1016/j.foodres.2016.11.034