Virus könnte Zöliakie auslösen

Bei einer Zöliakie kommt es aus noch ungeklärten Gründen zum Verlust der Immuntoleranz gegenüber Gluten. In den Humanen Leukozyten Antigenen (HLA) DQ2 und DQ8 wurden bereits genetische Risikotypen identifiziert. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass bei der Entstehung einer Zöliakie zunächst T-Helferzellen 1 (TH1) gebildet werden. Diese regen die Entzündungsprozesse im Darm an. Dennoch scheinen zusätzliche Umweltfaktoren bei Zöliakie eine Rolle zu spielen. Denn nicht alle Menschen mit den genetischen Risikotypen entwickeln die Erkrankung. Aus verschiedenen Studien gibt es Hinweise, dass Virus-Infektionen die Immuntoleranz gegenüber Nahrungsallergenen wie Gluten negativ beeinflussen könnten. Bouziat et al. haben daher mögliche Zusammenhänge und pathophysiologische Mechanismen zwischen einer Reovirus-Infektion und Zöliakie untersucht. 

Das Reovirus gilt als relativ harmloser Erreger, dessen Infektionen meist asymptomatisch verlaufen. Für ihre Versuche mit zwei verschiedenen Reovirus-Stämmen setzten die Forscher ein Mausmodell ein. Sie beobachteten, dass das Immunsystem bei der Infektion Antikörper gegen das Reovirus bildete und es vollständig bekämpfen konnte. War jedoch gleichzeitig ein Nahrungsallergen anwesend, zeigte sich bei einem der Stämme eine Veränderung der Immunantwort. Es kam zum Verlust der Immuntoleranz gegenüber dem Nahrungsallergen. Vermehrt wurde der „interferon regulatory factor 1“ (IRF1) ausgeschüttet, der die Produktion der entzündungsfödernden T-Helferzellen 1 anregt. Gleichzeitig wurden die regulatorischen T-Zellen (Treg-Zellen) unterdrückt. Diese halten normalerweise die Selbsttoleranz des Immunsystems aufrecht. Bei Experimenten mit dem Reovirus-Stamm und Gluten an HLA-DQ8-positiven Mäusen ließen sich zusätzlich Anti-Gliadin-IgG-2- und Transglutaminase-2-Antikörper nachweisen. Somit konnten für die Infektion mit dem Reovirus-Stamm in Anwesenheit von Gluten genau die entzündungsfördernden Stoffe und Antikörper identifiziert werden, die sich auch bei Zöliakie-Patienten finden lassen. Um die Rolle von Reovirus-Infektionen beim Menschen zu belegen, untersuchten die Forscher anschließend 73 gesunde Kontrollpersonen und 160 Zöliakie-Patienten. Tatsächlich wurden bei Zöliakie-Patienten mehr Reovirus-Antikörper sowie signifikant höhere IRF1-Level in der Darmmukosa nachgewiesen. Diese Erkenntnisse bestärken den möglichen Zusammenhang zur Zöliakie. Denn sie lassen auf Reovirus-Infektionen in der Kindheit schließen, die die Zöliakie bei einer genetischen Vorbelastung ausgelöst haben könnten. Zusammenhänge zu anderen Virusinfektionen wie Rota- oder Herpes-Viren waren hingegen nicht nachweisbar.

Die Forscher schlussfolgern aus ihren Studienergebnissen, dass Infektionen mit bestimmten Reovirus-Stämmen zum Verlust der Immuntoleranz gegenüber Gluten führen können. Hinweise darauf fanden sie sowohl im Mausmodell als auch bei Zöliakie-Patienten. Das Zusammenspiel soll nun für die Entwicklung von präventiven Impfungen weiter erforscht werden. Dennoch weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass es neben dem Reovirus noch weitere mögliche Einflussfaktoren und pathophysiologische Mechanismen der Zöliakie zu untersuchen gilt.

 

Reovirus infection triggers inflammatory responses to dietary antigens and development of celiac disease
R. Bouziat, R. Hinterleitner, J. J. Brown, J. E. Stencel-Baerenwald, M. Ikizler et al.
Science 07, Apr 2017: Vol.356, Issue 6333, pp. 44-50; DOI: 10.1126/science.aah5298