Klinische Studien führten zu der Empfehlung, bei Unfruchtbarkeit sowohl von Frauen als auch Männern eine möglicherweise vorliegende Zöliakie oder eine nicht-zöliakische Glutensensitivität in Betracht zu ziehen. Den Ergebnissen einiger großer Kohortenstudien zufolge zeigte die Einhaltung einer glutenfreien Diät einen positiven Effekt auf die Fruchtbarkeit. Durch Zöliakie und nicht-zöliakische Glutensensitivität werden häufig Nährstoffunterversorgungen hervorgerufen, die sich negativ auf die Fruchtbarkeit auswirken können. Bei dem Vergleich zahlreicher Studien zeigte sich, dass Zöliakie und nicht-zöliakische Glutensensitivität zu den gleichen selektiven Nährstoffdefiziten führen. Betroffen sind unter anderem Folat, Vitamin B12, Vitamin D, Eisen und Zink.

Zwar zeigte eine Studie von 2011, dass Zöliakie kein Risikofaktor für die Fruchtbarkeit von Männern darstellt, zahlreiche andere Studien ergaben jedoch eine hohe Prävalenz von Teratozoospermie (46 %. Veringerung des Anteils beweglicher Spermien) und Asthenozoospermie (75 %. Erhöhung des Anteils anormaler Spermien). Bei Patienten mit unbehandelter Zöliakie wurde das Auftreten einer Geweberesistenz gegen Androgene nachgewiesen. In dieser Patientengruppe zeigte sich eine Abnahme der Plasmaskonzentration von Dihydrotestosteron bei gleichzeitiger Zunahme des luteinisierenden Hormons, von Testosterons und Prolaktin. Nach Einhaltung einer glutenfreien Ernährung normalisierten sich diese Hormonstörungen wieder.

Es wird angenommen, dass die Deregulierung der Hodenfunktion Folge einer Vielzahl von durch Zöliakie verursachten endokrinen Störungen sein kann. Bei Patienten mit unbehandelter Zöliakie wurden reduzierte Spermienmotilität, abnorme Spermienmorphologie und Hypogonadismus (endokrine Funktionsstörung der Gonaden) festgestellt. Es wird vermutet, dass diese Störungen möglicherweise mit der Malabsorption von Zink, Selen, Folsäure und fettlöslichen Vitaminen assoziiert sind. Zinkmangel äußert sich z.B. in Hypogonadismus und einer verminderten Spermienzahl und -motilität, die eine Ursache für männliche Unfruchtbarkeit sein können. Ein Selenmangel kann zur Störung der Spermienmorphologie beitragen. Vitamin A beeinflusst den Verlauf der frühen Stadien der Spermatogenese. Ein Mangel daran kann die Zellproliferation, die Funktion des Nebenhodenepithels und die Reifung von Spermatiden negativ beeinflussen. Vitamin E unterstützt die Differenzierung und Funktion des Epithels, die Spermatidenreifung und die Sekretion von Proteinen durch die Prostata und verbessert die Spermienmotilität.

Bei Frauen spielen wahrscheinlich ebenfalls eine Malabsorption und der daraus resultierende Nährstoffmangel eine Rolle bei der Entstehung einer Unfruchtbarkeit. Diese basiert jedoch nicht nur auf einer Malabsorption. Auch andere Mechanismen wie die Autoimmunität können eine Rolle spielen. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass zirkulierende Anti-Thyroglobulin-Antikörper (Anti-TG Antikörper), die bei aktiver Zöliakie produziert werden, an plazentabasierten Schwangerschaftskomplikationen beteiligt sind. Studien zeigten, dass 4 bis 8 % der Frauen mit Zöliakie Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden, diese aber durch eine Ernährungsumstellung auf eine glutenfreie Kost verringert werden können. Einige Forscher haben auch festgestellt, dass Frauen mit Zöliakie im Vergleich zu gesunden Frauen ein signifikant höheres Risiko für Fehlgeburten, intrauterine Wachstumsretardierungen (vorgeburtliche Entwicklungsstörungen) und ein verringertes Geburtsgewicht aufweisen. Weibliche Unfruchtbarkeit und abnorme Schwangerschaftsverläufe können mit einer intestinal gestörten Absorption von Zink, Selen und Folsäure assoziiert sein. Ein Zinkmangel manifestiert sich durch eine verminderte Synthese und Sekretion von follikelstimulierendem und luteinisierendem Hormon. Eine unzureichende Selenzufuhr während der Schwangerschaft kann das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, schwangerschaftsinduzierte Hypertonie, Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung), vorzeitige Wehen und Fehlgeburten steigern. Ein Eisenmangel hindert die normale Entwicklung der Eizelle. Vitamin K-Defizite bei Schwangeren können den Fötus schädigen. Ein Vitamin A-Mangel kann das Risiko für Nachtblindheit während der Schwangerschaft erhöhen. Ein Mangel an Vitamin B12 könnte zu einem Neuralrohrdefekt, einem Abgang des Kindes in der frühen Schwangerschaft und zu einem erhöhten Risiko für eine Frühgeburt führen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sowohl bei Frauen als auch bei Männern mit ungeklärten Fruchtbarkeitsproblemen eine glutenfreie Ernährung ein wirksamer Bestandteil der Therapie zur Steigerung der Fruchtbarkeit sein kann. Ein Mangel an u.a. Selen, Zink, Eisen und Folsäure, der möglicherweise zu Unfruchtbarkeit führen kann, wurde mit Zöliakie und nicht-zöliakischer Glutensensitivität in Verbindung gebracht.

 

Quelle:
 

Do celiac disease and non-celiac gluten sensitivity have the same effects on reproductive disorders?

J. Pieczynskan

Nutrition. 2018; 48: 18-23. doi.org/10.1016/j.nut.2017.11.022