Stillen und eine frühzeitige Gluten-Exposition können Zöliakie nicht verhindern

Zöliakie betrifft in Europa und Nordamerika bis zu 1 % der Bevölkerung. Ist ein naher Verwandter betroffen, so steigt das Zöliakie-Risiko auf 10 bis 15 % an. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Anzahl der Betroffenen in den Industrieländern kontinuierlich erhöht. Der genetische Hintergrund ist ein bedeutender Risikofaktor für die Entstehung der Autoimmunerkrankung. Die Symptome werden durch das Klebereiweiß Gluten, welches in bestimmten Getreidearten vorkommt, ausgelöst. Das Zusammenspiel zwischen der genetischen Prädisposition und Umweltfaktoren ist allerdings bisher nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler vermuten, dass die Entstehung von Zöliakie durch Darminfektionen, Menge und Qualität des verzehrten Glutens, Stillen und der Darmflora beeinflusst werden könnte. Ob ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen diesen Faktoren und Zöliakie besteht, haben Wissenschaftler in der aktuellen Arbeit untersucht.

Im Rahmen der Studie wurden mehr als 700 Neugeborene im Zeitraum von 2003 bis 2008 untersucht. Voraussetzung war, dass mindestens ein Elternteil oder Geschwisterkind an Zöliakie litt. Per Los wurden die Säuglinge in zwei Gruppen eingeteilt. Davon erhielt eine Gruppe erstmals mit sechs Monaten glutenhaltige Nahrung, während bei der zweiten Gruppe erst nach zwölf Monaten die erste glutenhaltige Beikost eingeführt wurde. Im Verlauf der nächsten Jahre wurden die Kinder regelmäßig auf Zöliakie hin untersucht. Die Mütter beantworteten Fragebögen zur Ernährungsweise und zum Stillen ihrer Kinder.

Die Ergebnisse zeigten, dass 16,5 % der Kinder mit familiärem Risiko ebenfalls an Zöliakie erkrankten. Im Alter von zwei Jahren entwickelten jene Kinder, die bereits nach sechs Monaten Gluten über die Nahrung aufnahmen, häufiger eine Zöliakie als solche Kinder, die erst im Alter von zwölf Monaten mit Gluten in Kontakt kamen. Dieser unterschiedliche Befund konnte ab einem Alter von fünf Jahren jedoch nicht mehr bestätigt werden.

Somit lässt sich sagen, dass eine frühe Exposition mit Gluten keinen signifikanten Einfluss auf die spätere Entstehung von Zöliakie hat. Ein Zusammenhang zwischen Stillen, der Ernährungsweise sowie Darminfektionen und dem Auftreten einer Zöliakie konnte in dieser Studie nicht belegt werden.

Ein wichtiger Risikofaktor stellt laut den Forschern das Vorhandensein bestimmter Moleküle des Immunsystems dar. Diese Moleküle sind aufgrund von genetischen Faktoren bei Zöliakiepatienten in höherem Maß vorhanden als bei Gesunden. Um genauere Rückschlüsse auf diesen Risikofaktor ziehen zu können, bedarf es allerdings der Berücksichtigung der Darmflora sowie der Anwendung von Antibiotika oder Impfungen. Diese Faktoren wurden in der vorliegenden Studie jedoch nicht miteinbezogen. Die Wissenschaftler sehen hier deshalb weiteren Forschungsbedarf.

Überraschend war für die Forscher der Befund, dass Stillen trotz vieler bekannter schützender Effekte das Risiko für eine Zöliakie nicht signifikant reduzierte.

Mithilfe eines Bluttests kann das individuelle Zöliakie-Risiko bestimmt werden. Dieser sollte jedoch möglichst vor dem Schul- bzw. im Kindergartenalter erfolgen, da die meisten Kinder in den ersten drei Lebensjahren an Zöliakie erkranken.

Quelle: E. Lionetti et al.: Introduction of Gluten, HLA Status, and the Risk of Celiac Disease in Children, Oktober 2014, The New England Journal of Medicine, Volume 371, Issue 14, pp 1295-1303, www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1400697