Impfungen im Kindesalter steigern das Zöliakie-Risiko nicht

In Schweden erkrankten in der Zeit von 1984 bis 1996 viermal so viele Kinder an Zöliakie verglichen mit den Jahren davor und danach. Dieser epidemieartige Anstieg deutet darauf hin, dass hier nicht nur genetische Faktoren an der Entstehung der Krankheit beteiligt waren, sondern auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielten. Könnten auch Impfungen im Kindesalter in diesem Zusammenhang von Bedeutung gewesen sein? Gab es im relevanten Zeitraum eine Veränderung des schwedischen Impfprogramms, die zum Anstieg der Zöliakie Erkrankungen unter Kinder geführt haben könnte? Diesen Fragen geht die vorliegende Fall-Kontroll-Studie nach.

Impfstoffe beeinflussen das Immunsystem und könnten Schutz- oder Risikofaktoren für Autoimmunerkrankungen darstellen. Dies wurde bereits für Diabetes Typ 1 vermutet und könnte auch für Zöliakie zutreffen, da es Parallelen zwischen beiden Krankheiten gibt. Es wurde daher die Hypothese aufgestellt, dass die immunologische Reaktion auf einen Impfstoff die Immunreaktion gegen Glutenproteine und damit das Zöliakie-Risiko sowohl positiv als auch negativ beeinflussen könnte.

Zum einen wurde daher untersucht, ob es in Schweden zwischen 1980 und 2000 eine Veränderung bei Kinderimpfungen gegeben hat, beispielsweise einen neuen oder modifizierten Impfstoff, oder ob sich die Anzahl der mit einer Impfung versorgten Kinder verändert hat. Zum anderen wurde der Impfstatus von 392 an Zöliakie erkrankten und 623 gesunden Kindern überprüft, um einen möglichen relevanten Unterschied festzustellen. Die Kinder waren jünger als 15 Jahre und die gesunden Kinder so gewählt, dass sie in Hinblick auf Alter, Geschlecht und Wohngegend je das Pendant zu einem kranken Kind darstellten. Im Fokus standen routinemäßig eingesetzte Impfstoffe gegen Diphterie/Tetanus, Keuchhusten, Polio, Influenza, Mumps-Masern-Röteln sowie Tuberkulose. Letzteres wird nur bei Kindern geimpft, die ein erhöhtes Tuberkulose-Risiko haben, weil sie zum Beispiel mit Tuberkulose-Patienten in Kontakt stehen.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass keine Veränderung bei Kinderimpfungen für das Auftreten der vermehrten Zöliakie-Fälle in Schweden verantwortlich war. Der kombinierte Mumps-Masern-Röteln Impfstoff wurde im Jahr 1982 und damit zu früh, der Influenza Impfstoff 1992 und damit zu spät eingeführt. Die  Einführung der Keuchhusten (Pertussis) Impfung im Jahr 1996 korrelierte zwar mit dem Rückgang der Zöliakie-Fälle, im Rahmen der Fall-Kontroll-Studie konnte dieser Zusammenhang jedoch nicht bestätigt werden, da es keinen Unterschied in der Impfstoff-Versorgung kranker und gesunder Kinder gab.

Die Studienergebnisse deuten jedoch auf einen protektiven Effekt der Tuberkulose-Impfung hin, denn in der Gruppe der gesunden Kinder war eine größere Anzahl gegen Tuberkulose geimpft als in der Gruppe der kranken Kinder. Der Zusammenhang muss allerdings mit Vorsicht genossen werden, denn aufgrund der Tatsache, dass nur Risikokinder eine Tuberkulose-Impfung erhalten, könnten auch weitere unbekannte Faktoren eine Rolle spielen.

Die Ursache für die Zöliakie-Epidemie in Schweden bleibt also weiterhin unbekannt. Die untersuchten Impfstoffe steigern das Zöliakie-Risiko jedenfalls nicht.

Quelle: Myléus et al., (2012): Early vaccination are not risk factors for celiac disease. Pediatrics 130 (1), e63-70. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22732174)